Kempowskis „Echolot“ (8) - der Untergrund
Das „Echolot“ ist keine Dokumentation. Kein Buch kann 8000 Tagebücher dokumentieren.
„Echolot“ ist eine Collage. Worin seine Bedeutung als dokumentarisches Kunstwerk besteht, ist herauszufinden.
In „Culpa“ kommt Kempowski immer wieder auf die Mühen und Verunsicherungen des Auswählens zurück. Der Wille des Künstlers strukturiert das Material; geleitet von seinen ästhetischen Maßstäben. Wovon noch geleitet?
Der Blick auf die dem Buch zugrunde liegenden Dokumente öffnet Welten.
Da ist das Tagebuch der Grete Dölker-Rheder. Aus 1000 engbeschriebenen Schreibmaschinenseiten wählt Kempowski rund 30 Textstellen aus. SEINE Textstellen.
Sind das auch die Textstellen der Verfasserin? Sind das die „richtigen“ Textstellen?
Aus den 50 und mehr Tagebuchbänden des Oberstabsarztes Dr. L. finden wir 40 Textstellen.
Der verurteilte Kriegsverbrecher und nachmalige Bundeswehroffizier Georg Kreuter, er hat etliche hundert Seiten Kriegstagebuch geschrieben, begegnet uns gut 30 mal.
Und die Anderen, die viele hundert Seiten Tagebücher und Briefe hinterlassen haben und die ein-, zwei- oder fünfmal erwähnt werden?
Das „Echolot“ läßt sprechen und - verschließt den gerade geöffneten Mund.
Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?
Beim Stöbern in den Archivmaterialien (kein oberflächliches aber ein viel zu kurzes) sprangen mir „Stellen“ ins Auge. Einige Wenige folgen hier; zur Veranschaulichung. Nicht als Vorwurf gegen Kempowski gerichtet.
Hilde Wieschenberg an ihren Ehemann an der Ostfront:
16.9.1941:“Weißt Du was sich unser Hildchen zum Namenstag gewünscht hat? Ein Schießgewehr mit Munition. Das bekommt sie natürlich.“
2.12.1941: „Dieses Petersburg muß eine wahre Hölle auf Erden sein. Seit mindestens 8 Wochen eingeschlossen. Weiter kann ich gar nicht denken.“
22.1.1942:“Ja Franz, es ist furchtbar, wie viele Frauen sich mit Lust und Liebe anderen Männern hingeben.“
Georg Kreuter:
1.4.1942:“Der Russe hat nichts, aber an dem bißchen das er hat hängt er. Ihn zu trennen von seinem Hof und seinem Vieh, dazu von seinen alten Töpfen, ist eine Kunst und erfordert vor allem ein hartes Herz.“
5./7.2.1943, Kreuter ist inzwischen in Paris:
“Heute sind wir im „Viktoria“ gewesen. Das ist eine Großgaststätte der Wehrmacht. Auch „Wartesaal der Blitz mädchen“ genannt....In der Oper: „Die Zauberflöte“. Anschließend in einer Villa, die dem SD gehörte und anscheinend etwas mit der Spionage zu tun hatte. Hier haben wir einen seltsamen Herrn Schmidt kennen gelernt. Er bewohnt die Villa und hat uns bis morgens um 1/2 5 fürstlich bewirtet.“
Grete Dölker-Rheder im Westen zwischen französischen Soldaten und russischen Kriegsgefangenen:
Mai 1945:„Vor allem die Überfälle, Plünderungen und Vergewaltigungen durch die marokkanischen Soldaten waren für uns Frauen schlimmer als alle Bombenangst.“
7.5.1945:“Abends um 9 kam ein Neger hier auf den Hof und begehrte ein Mädchen! Die Russenmänner aus der Reparaturwerkstatt haben zum Glück verstanden, ihn fortzuschicken.“
„Echolot“ ist eine Collage. Worin seine Bedeutung als dokumentarisches Kunstwerk besteht, ist herauszufinden.
In „Culpa“ kommt Kempowski immer wieder auf die Mühen und Verunsicherungen des Auswählens zurück. Der Wille des Künstlers strukturiert das Material; geleitet von seinen ästhetischen Maßstäben. Wovon noch geleitet?
Der Blick auf die dem Buch zugrunde liegenden Dokumente öffnet Welten.
Da ist das Tagebuch der Grete Dölker-Rheder. Aus 1000 engbeschriebenen Schreibmaschinenseiten wählt Kempowski rund 30 Textstellen aus. SEINE Textstellen.
Sind das auch die Textstellen der Verfasserin? Sind das die „richtigen“ Textstellen?
Aus den 50 und mehr Tagebuchbänden des Oberstabsarztes Dr. L. finden wir 40 Textstellen.
Der verurteilte Kriegsverbrecher und nachmalige Bundeswehroffizier Georg Kreuter, er hat etliche hundert Seiten Kriegstagebuch geschrieben, begegnet uns gut 30 mal.
Und die Anderen, die viele hundert Seiten Tagebücher und Briefe hinterlassen haben und die ein-, zwei- oder fünfmal erwähnt werden?
Das „Echolot“ läßt sprechen und - verschließt den gerade geöffneten Mund.
Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?
Beim Stöbern in den Archivmaterialien (kein oberflächliches aber ein viel zu kurzes) sprangen mir „Stellen“ ins Auge. Einige Wenige folgen hier; zur Veranschaulichung. Nicht als Vorwurf gegen Kempowski gerichtet.
Hilde Wieschenberg an ihren Ehemann an der Ostfront:
16.9.1941:“Weißt Du was sich unser Hildchen zum Namenstag gewünscht hat? Ein Schießgewehr mit Munition. Das bekommt sie natürlich.“
2.12.1941: „Dieses Petersburg muß eine wahre Hölle auf Erden sein. Seit mindestens 8 Wochen eingeschlossen. Weiter kann ich gar nicht denken.“
22.1.1942:“Ja Franz, es ist furchtbar, wie viele Frauen sich mit Lust und Liebe anderen Männern hingeben.“
Georg Kreuter:
1.4.1942:“Der Russe hat nichts, aber an dem bißchen das er hat hängt er. Ihn zu trennen von seinem Hof und seinem Vieh, dazu von seinen alten Töpfen, ist eine Kunst und erfordert vor allem ein hartes Herz.“
5./7.2.1943, Kreuter ist inzwischen in Paris:
“Heute sind wir im „Viktoria“ gewesen. Das ist eine Großgaststätte der Wehrmacht. Auch „Wartesaal der Blitz mädchen“ genannt....In der Oper: „Die Zauberflöte“. Anschließend in einer Villa, die dem SD gehörte und anscheinend etwas mit der Spionage zu tun hatte. Hier haben wir einen seltsamen Herrn Schmidt kennen gelernt. Er bewohnt die Villa und hat uns bis morgens um 1/2 5 fürstlich bewirtet.“
Grete Dölker-Rheder im Westen zwischen französischen Soldaten und russischen Kriegsgefangenen:
Mai 1945:„Vor allem die Überfälle, Plünderungen und Vergewaltigungen durch die marokkanischen Soldaten waren für uns Frauen schlimmer als alle Bombenangst.“
7.5.1945:“Abends um 9 kam ein Neger hier auf den Hof und begehrte ein Mädchen! Die Russenmänner aus der Reparaturwerkstatt haben zum Glück verstanden, ihn fortzuschicken.“
kranich05 - 2007/09/12 00:21