In einem Artikel über den IG-Farben-Prozeß von 1947 führt Kurt Pätzold Jean Amerys Diktum an, daß niemand aus der Geschichte seines Volkes austreten könne.
https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2007/08-13/004.php
und fährt fort: "Das ist - fromm oder nicht - ein Wunsch. Denn gedanklich haben das Millionen Deutsche längst getan, die einen ganz, die meisten partiell."
Lassen wir beiseite, daß Amery nicht "gedanklich austreten" sagt und Pätzold ihn insofern mißversteht. Unbestritten ist die Bedeutsamkeit des "gedanklichen Eintretens"; man könnte auch historisches Bewußtsein dazu sagen.
Das von Kempowski beklagte geringe Leserinteresse für sein Monumentalwerk "Echolot" scheint die "gedankliche Abstinenz" zu bestätigen. Denn das "Echolot" zu lesen, heißt das nicht tatsächlich aufs Intensivste in die deutsche Geschichte der Hitlerzeit einzutreten?
Schwierige Frage, die keine einfache Antwort findet.
Ja, wer sich in den schier unermeßlichen Stoff dieser Collage versenkt, tritt zweifellos in einen deutschen Geschichtsraum ein, und mehr: Er wird geradezu eingesogen und darin gefesselt.
Aber tritt er, nach 40, 50, 60 und mehr Jahren in angemessener Weise
gedanklich ein, reflektierend und begreifend?
Ich glaube, daß ist ganz und gar nicht sicher.