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Montag, 30. Juli 2007

„Haben Sie Hitler gesehen?“

Diese Frage hat Walter Kempowski Anfang der 70-er Jahre 500 Bundesbürgern gestellt.
Vielleicht war es gerade die Harmlosigkeit der Fragestellung, die zu spontanen Antworten geführt hat.
Dokumentiert sind sie in dem Büchlein „Deutsche Antworten“, Band III einer „deutschen Chronik“.
Es ist keine erbauliche Lektüre.
Gerade deshalb zitiere ich die aus dem Rahmen fallende Antwort einer Buchhändlerin, Jahrgang 1926:
„Wir sind mit unserem Auto nach Bayreuth gefahren, und an der Straße stand ein SA-Mann, der wollte mitgenommen werden. Mein Vater hat angehalten und die Scheibe runtergekurbelt und hat gesagt: „SA marschiert mit ruhig festem Schritt!“ und ist weitergefahren.“
(Taschenbuchausgabe von 1999, Seite 125)

Ausflug in den Westen

Ich bin in Kassel und Frankfurt am Main gewesen.

An beiden Orten sind mir - dem, abgesehen von Berlin, mehr die Mittelstädte der ostdeutschen Provinz vertraut sind - Bettler aufgefallen. Das waren nicht die routinierten Bettler-Zigeuner oder Bettler-Punks, bei denen ich immer das Gefühl habe, sie schlüpfen mal eben in ihre Bettlerrolle, wie andere in ihr Arbeitsdreß.
Nein, das waren Menschen, die völlig apathisch, völlig aufgegeben in einer Ecke hockten und selbst zum Betteln zu gleichgültig waren.
Eigentlich waren das keine Menschen mehr, sondern Menschentrümmer, Menschenschrott, Sachen, Nicht-Menschen.
Ich sehe mich daran vorbei gehen. Das ganze aufgekratzte Documenta-Leben oder Zeil-Leben flutet darum herum und daran vorbei.
Es ist unheimlich.

Ein Gedankensprung - aber es ist kein allzu großer:
Nein, der Faschismus IST nicht die Mitte der Gesellschaft.
Das Faschistische KOMMT aus der Mitte der Gesellschaft und GEHT in die Mitte der Gesellschaft; täglich, stündlich.

Ich hatte gehofft - uneingestandene, fast nur unterbewußte, dennoch törichte Hoffnung - auf die berührende Begegnung mit Kunst in der Documenta. Erinnerungen an die Kunstausstellungen der DDR in Dresden liegen lange zurück, sind aber nicht vergessen.
Es wurde, wie könnte es anders sein, einzig und allein eine Begegnung mit dem Kunstmarkt.
Ich konnte froh sein, daß es nicht nur widerwärtig war.

Im Frankfurter Filmmuseum habe ich lange aber immer noch nicht lange genug die Sonderausstellung Karl Valentin besucht.
Die Intonation vieler klingender Dokumente aber mehr noch die Unerbittlichkeit der Valentinschen Komik sind ein Zeitspiegel. Sie begleiten sozusagen seitenverkehrt den Hitlerschen Faschismus.
In der Geschichte folgt bekanntlich oft die Farce der Tragödie.
Hier ging die Farce der Tragödie voraus.
Es hat nichts genutzt.

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