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Montag, 25. Juni 2007

20.6. Naumburger Vermischungen

Naumburg wäre keine deutsche Stadt, wäre das Ethos des Naumburger Meisters (der übrigens seine Lehrjahre in Frankreich verbrachte) ein alles bestimmender Wert.
Naumburg ist allzu deutsch im wilden Durcheinander von deutschem Gemüt, deutschen Wünschen und deutscher Hirnrissigkeit. Dafür stehen Namen wie Nietzche und Klinger, nicht zu trennen von ihrer Zeit und ihrem Umfeld.

Nietzschehaus

Das Haus von Mutter Nietzsche, zugleich Pflegehaus des unheilbar Kranken, ist sorgfältig hergerichtet. Man beschränkt sich vernünftigerweise darauf, wesentliche Lebensdaten des Ideologen zu veranschaulichen, ohne en passant in seine Texte einführen zu wollen.
Das Obergeschoß ist z. Z. einer Ausstellung über das Wirken der Schwester vorbehalten, die sich in besonderer und teils zweifelhafter Weise für die Herausgabe und Verbreitung seiner Werke engagiert hat. Am Ende, 1935, im Spitznhäubchen, ist die hochbetagte Antisemitin selig, den Führer empfangen zu dürfen: "Fritz hätte sich so gefreut."
Auch wenn es mich dequalifizieren sollte: Ich habe es nie geschafft, mehr als nur in einzelnen Seiten den Nietzsche zu lesen. Ich konnte ihn nie anders, denn als zeitlebens Pubertierenden wahrnehmen; einen der deutschen genialischen Pubertierenden.

Klinger, der vierzehn Jahre Jüngere, hat natürlich Nietzscheporträts und -büsten gemacht; sollte (gleichsam als berühmer Naumburger Nachbar, so Nietzsche-Schwester Elisabeth), unbedingt seine Totenmaske abnehmen, hat terminlich nicht geklappt.
Klingers langjährige Gefährtin, Elsa Asenieff, riß sich darum, den kranken Nietzche zu pflegen (was Eli zu verhindern wußte). Vierzig Jahre später war die Asenieff selbst Patientin eines Irrenhauses. Sie starb 1941, vielleicht als Opfer von Hitlers "Euthanasie".
Die Nietzsche-Schwester übrigens haben Jenaer Professoren in einer Denkschrift für den Nobelpreis vorgeschlagen. Auf ähnlicher Ebene scheint zu liegen, daß sich Klingers Gefährtin nach der Trennung von ihm, die sie nicht verwinden konnte, als "die bedeutendste Frau Europas" sah, eine Frau immerhin, Wienerin, die aus einer sterilen Ehe in Sofia ausbrach, um die Jahrhundertwende zu den ersten Studentinnen an einer Universität gehörte und später eigenwillige feministische Werke veröffentlichte. Selbstbewußte moderne Frau und zugleich "femme fatale", damit auch diese Vermischung bedient sei.

"Femme fatale" des Max Klinger, den ich immer im würdigen Rock sehe und der doch ein Erotomane vor dem Herrn war (was in besten freien Arbeiten schön zum Ausdruck kommt). Klinger der betuchte Bürger und Mittelpunkt eines einträglichen Geniekults, der zugleich soziale Mißstände, die Notlagen der Ausgestoßenen, wahrnahm und so nachdrücklich zu einem Gegenstand seiner Kunst machte, daß Käthe Kollwitz ihn zeitlebens bewunderte (und auch an seinem Begräbnis teilnahm).
Klinger, der den Althumanisten Brahms verehrt (und schließlich auch dessen Wertschätzung erringt) und andererseits Hindenburg plakatiert, um weitere Spenden für den Krieg einzutreiben.

klinger1 Klinger2
























Seine Grabplastik hat Klinger selbst geschaffen und bestimmt, seine Stele und die seiner jungen Geliebten, buchstäblich Tage vor seinem Tode geehelichten Frau, schuf ein gemeinsamer Bildhauer-Freund, der wiederum ein halbes Jahr später die Witwe heiratete.

Klinger3

In Klingers Weinberg stehen auch heute noch oder wieder die Rebstöcke „wie die Gendarmen“ und zu seinen Füßen strömt die Unstrut eilig der Vereinigung mit der Saale entgegen.

19.6. Naumburg, du Schöne

Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, im fernen Rostock (in der Schule waren die Namen Ekkehard und Uta und Regelindis gefallen), hat mich der Bildband eines Paulus Hinz mit den Stifterfiguren des Doms zu Naumburg bekannt gemacht.
Wenig später hab' ich es so eingerichtet, in den Ferien Naumburg zu besuchen.

Regelindis

Als ich jetzt wieder im Westchor des Domes stand, immer wieder von Figur zu Figur gegangen war, hatte ich dasselbe Gefühl wie damals: Das Gefühl, mich einfach nicht trennen zu können. So, als dürfte ich diese Mensch gewordenen Steine oder Stein gewordenen Menschen nicht allein lassen; so, als würde erst durch die Zuwendung eines lebendigen Menschen der Lebensgeist befreit, den der Naumburger Meister seiner Zeit abgelauscht und den Menschen durch die Jahrhunderte als Botschaft geschickt hat.
Nur vor Barlachs Figuren in Güstrow, dem anderen schönen Ort, habe ich Ähnliches erlebt.

Und doch ist Naumburg mehr als der Ort seines Meisters. Mit der Wenzelskirche gibt es da einen Raum, in dem die Bachsche Orgel unvergleichlich ertönt, zur Orgelzeit, 12 Uhr Mittags, an mehreren Tagen der Woche.

Naumburg hat nicht nur, wie jedes deutsche Städtchen, das auf sich hält, sein bißchen Mittelalterflair aufgemöbelt. Das auch.

Naumburg1

Naumburg-2

Aber Naumburg hat davon im Überfluß, und so finde ich Wanderer (der bald zum Bewunderer wird), an vielen Ecken und Enden die Reste früheren Lebens. Gut Erhaltenes, schlecht Erhaltenes, Ruiniertes, Würdiges, Schäbiges und Weniges, das von Bausünden neuerer Zeit erdrückt wird. So entdeckte ich am Marientor, abseits des Touristenpfads eine rührende Szenerie des Alt-Naumburg.

Naumburg-3

Und schließlich ist Naumburg auch noch Landschaft, in der die Kirschen reifen und die Weinstöcke gedeihen. Zwar trennt der Bahnhof wie ein Eisenriegel die Stadt von ihrem Blütengrund aber vielleicht schützt er auch beide voreinander.

Naumburg4

Wer sucht, findet, passiert eine Fähre, bewundert ein 100-jähriges Schiffchen und steht unvermittelt im Tor des Weinlandes Saale-Unstrut, wo neue Überraschungen warten.

Naumburg-5

Auch das "steinerne Buch" gehört dazu, eine Folge von 12 volkstümlich aufgefaßten Szenen aus der Bibel, ein Felsrelief von etwa 200 m Länge aus den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts.
Es wartet im wahrsten Sinne darauf, restauriert und öffentlich zugänglich gemacht zu werden.

18.6. Zeiten und Bauten

Naumburg-Dom-3

Die mächtigen Dome, die ich während meiner Reise gesehen habe, nur Brandenburg/Havel, Merseburg, Naumburg seien genannt, sind alle zwischen 800 und 1000 Jahre alt. Welche Macht- und Gestaltungswille nahm plötzlich Bau-Gestalt an, nach vorhergehenden Jahrhunderten namenloser "Waldursprünglichkeit"?

Naumburg-Dom1

Und nicht nur Wille, welch Vermögen war akkumuliert, daß plötzlich solche Bauten vollbracht werden konnten? Historiker könnten Antworten geben.
Nicht zu vergessen: Es hatte die Zeit der Kreuzzüge begonnen. Welche Kraft trieb plötzlich die christliche Kirche, die ganze unendliche Welt Gottes in Besitz nehmen zu wollen?

Naumburg-dom2

Die gewaltigen Bauten, errichtet buchstäblich neben Sümpfen oder Adlerhorsten, verblüffen noch heute. Die Zeiten müssen zum Bersten intensiv gewesen sein. Ihr innerer Mechanismus bleibt mir rätselhaft, ihre Wahrheit verborgen.
Vielleicht ist es kein Zufall, daß zu jener Zeit die absolute Stilisierung durchbrochen wird und in der Literatur (Minnegesang, Nibelungenlied), in der Plastik (Naumburger Meister) einige Meister erstmals (nur vorübergehend und selbst noch anonym bleibend) ihren persönlichen Kunstausdruck finden?

Andere Zeiten haben nicht weniger selbstbewußt, nicht weniger nachhaltig ihren "Baustempel" in die Landschaft gesetzt.

Schloss-Weissenfels

Hier sieht man z. B. das Schloß Weißenfels, gewiß keine berückende Schönheit aber doch ein mächtiges und würdiges Bauwerk, das die Wirklichkeit und den Geist fürstlicher Größe zu repräsentieren wußte.
Oder die Wilhelminische Zeit mit ihrer noch pickelhaubigen aber schon gasgefährlichen Aufgeblasenheit. Man denke an das Völkerschlachtdenkmal oder den Berliner Dom. Von den Nazis zu schweigen.

Unsere Jetztzeit, obwohl sie doch unendlich viel baut, erscheint mir geizig beim Errichten großer Bauwerke der Besinnung. Meistens sind Bauwerke heute auf die Erfüllung präzis definierter Zwecke ausgerichtet. Die erfüllen sie (im besten Falle) konsequent, mehr nicht.
Bauwerke, die auch deshalb die Jahrhunderte überdauern, weil sie den Menschen "zu sich bringen", sind kaum im Programm. Werden sie nicht gebraucht? Oder sind sie einfach nicht möglich?
Oder können die neuen Zweckzwitter "Reisen+Kaufen", wie etwa die neuen/erneuertern Hauptbahnhöfe von Berlin oder Leipzig oder "Promenieren+Kaufen" als die Tempel gelten?

Leipzig-kaufen

Auch die abgeschaffte DDR hat überwiegend Zweckbauten errichtet.
Allerdings baute man in den frühen fünfziger Jahren zahlreiche Kulturhäuser, die sozusagen vom Grundstein an mit der stalinistischen Patina des befreiten, glücklich Menschen versehen wurden. Meist sind sie heute in einem beklagenswerten Zustand, wie dieses Bild von der Ruine des Kulturhauses Zinnowitz verdeutlichet.

Kulturhaus-Zinnowitz
Ruine-Kulturhaus-Zinnowitz

Doch es gibt einige Bauten der an so Vielem Mangel leidenden DDR, die sowohl einen groß gemeinten humanistischen Anspruch an die Menschen verkörpern bzw. verkörperten, als auch dem Individuum den Raum einräumen bzw. einräumten, sich persönlich und frei zu diesem Anspruch in Beziehung zu setzen.
Mir scheint, das kann man von der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald sagen.
Ich glaube, daß das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen ein solches Bau-und Kunstwerk ist.
Und auch der Berliner Palast der Republik scheint/schien mir in wesentlichen Teilen ein gelungenes, unwiederholbares Beispiel dieser Art zu sein. Wenn das zutrifft, dürfte sein Abbruch als starker Beweis für politisch motivierten Bauvandalismus in die Geschichte eingehen.

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