20.6. Naumburger Vermischungen
Naumburg wäre keine deutsche Stadt, wäre das Ethos des Naumburger Meisters (der übrigens seine Lehrjahre in Frankreich verbrachte) ein alles bestimmender Wert.
Naumburg ist allzu deutsch im wilden Durcheinander von deutschem Gemüt, deutschen Wünschen und deutscher Hirnrissigkeit. Dafür stehen Namen wie Nietzche und Klinger, nicht zu trennen von ihrer Zeit und ihrem Umfeld.

Das Haus von Mutter Nietzsche, zugleich Pflegehaus des unheilbar Kranken, ist sorgfältig hergerichtet. Man beschränkt sich vernünftigerweise darauf, wesentliche Lebensdaten des Ideologen zu veranschaulichen, ohne en passant in seine Texte einführen zu wollen.
Das Obergeschoß ist z. Z. einer Ausstellung über das Wirken der Schwester vorbehalten, die sich in besonderer und teils zweifelhafter Weise für die Herausgabe und Verbreitung seiner Werke engagiert hat. Am Ende, 1935, im Spitznhäubchen, ist die hochbetagte Antisemitin selig, den Führer empfangen zu dürfen: "Fritz hätte sich so gefreut."
Auch wenn es mich dequalifizieren sollte: Ich habe es nie geschafft, mehr als nur in einzelnen Seiten den Nietzsche zu lesen. Ich konnte ihn nie anders, denn als zeitlebens Pubertierenden wahrnehmen; einen der deutschen genialischen Pubertierenden.
Klinger, der vierzehn Jahre Jüngere, hat natürlich Nietzscheporträts und -büsten gemacht; sollte (gleichsam als berühmer Naumburger Nachbar, so Nietzsche-Schwester Elisabeth), unbedingt seine Totenmaske abnehmen, hat terminlich nicht geklappt.
Klingers langjährige Gefährtin, Elsa Asenieff, riß sich darum, den kranken Nietzche zu pflegen (was Eli zu verhindern wußte). Vierzig Jahre später war die Asenieff selbst Patientin eines Irrenhauses. Sie starb 1941, vielleicht als Opfer von Hitlers "Euthanasie".
Die Nietzsche-Schwester übrigens haben Jenaer Professoren in einer Denkschrift für den Nobelpreis vorgeschlagen. Auf ähnlicher Ebene scheint zu liegen, daß sich Klingers Gefährtin nach der Trennung von ihm, die sie nicht verwinden konnte, als "die bedeutendste Frau Europas" sah, eine Frau immerhin, Wienerin, die aus einer sterilen Ehe in Sofia ausbrach, um die Jahrhundertwende zu den ersten Studentinnen an einer Universität gehörte und später eigenwillige feministische Werke veröffentlichte. Selbstbewußte moderne Frau und zugleich "femme fatale", damit auch diese Vermischung bedient sei.
"Femme fatale" des Max Klinger, den ich immer im würdigen Rock sehe und der doch ein Erotomane vor dem Herrn war (was in besten freien Arbeiten schön zum Ausdruck kommt). Klinger der betuchte Bürger und Mittelpunkt eines einträglichen Geniekults, der zugleich soziale Mißstände, die Notlagen der Ausgestoßenen, wahrnahm und so nachdrücklich zu einem Gegenstand seiner Kunst machte, daß Käthe Kollwitz ihn zeitlebens bewunderte (und auch an seinem Begräbnis teilnahm).
Klinger, der den Althumanisten Brahms verehrt (und schließlich auch dessen Wertschätzung erringt) und andererseits Hindenburg plakatiert, um weitere Spenden für den Krieg einzutreiben.

Seine Grabplastik hat Klinger selbst geschaffen und bestimmt, seine Stele und die seiner jungen Geliebten, buchstäblich Tage vor seinem Tode geehelichten Frau, schuf ein gemeinsamer Bildhauer-Freund, der wiederum ein halbes Jahr später die Witwe heiratete.

In Klingers Weinberg stehen auch heute noch oder wieder die Rebstöcke „wie die Gendarmen“ und zu seinen Füßen strömt die Unstrut eilig der Vereinigung mit der Saale entgegen.
Naumburg ist allzu deutsch im wilden Durcheinander von deutschem Gemüt, deutschen Wünschen und deutscher Hirnrissigkeit. Dafür stehen Namen wie Nietzche und Klinger, nicht zu trennen von ihrer Zeit und ihrem Umfeld.

Das Haus von Mutter Nietzsche, zugleich Pflegehaus des unheilbar Kranken, ist sorgfältig hergerichtet. Man beschränkt sich vernünftigerweise darauf, wesentliche Lebensdaten des Ideologen zu veranschaulichen, ohne en passant in seine Texte einführen zu wollen.
Das Obergeschoß ist z. Z. einer Ausstellung über das Wirken der Schwester vorbehalten, die sich in besonderer und teils zweifelhafter Weise für die Herausgabe und Verbreitung seiner Werke engagiert hat. Am Ende, 1935, im Spitznhäubchen, ist die hochbetagte Antisemitin selig, den Führer empfangen zu dürfen: "Fritz hätte sich so gefreut."
Auch wenn es mich dequalifizieren sollte: Ich habe es nie geschafft, mehr als nur in einzelnen Seiten den Nietzsche zu lesen. Ich konnte ihn nie anders, denn als zeitlebens Pubertierenden wahrnehmen; einen der deutschen genialischen Pubertierenden.
Klinger, der vierzehn Jahre Jüngere, hat natürlich Nietzscheporträts und -büsten gemacht; sollte (gleichsam als berühmer Naumburger Nachbar, so Nietzsche-Schwester Elisabeth), unbedingt seine Totenmaske abnehmen, hat terminlich nicht geklappt.
Klingers langjährige Gefährtin, Elsa Asenieff, riß sich darum, den kranken Nietzche zu pflegen (was Eli zu verhindern wußte). Vierzig Jahre später war die Asenieff selbst Patientin eines Irrenhauses. Sie starb 1941, vielleicht als Opfer von Hitlers "Euthanasie".
Die Nietzsche-Schwester übrigens haben Jenaer Professoren in einer Denkschrift für den Nobelpreis vorgeschlagen. Auf ähnlicher Ebene scheint zu liegen, daß sich Klingers Gefährtin nach der Trennung von ihm, die sie nicht verwinden konnte, als "die bedeutendste Frau Europas" sah, eine Frau immerhin, Wienerin, die aus einer sterilen Ehe in Sofia ausbrach, um die Jahrhundertwende zu den ersten Studentinnen an einer Universität gehörte und später eigenwillige feministische Werke veröffentlichte. Selbstbewußte moderne Frau und zugleich "femme fatale", damit auch diese Vermischung bedient sei.
"Femme fatale" des Max Klinger, den ich immer im würdigen Rock sehe und der doch ein Erotomane vor dem Herrn war (was in besten freien Arbeiten schön zum Ausdruck kommt). Klinger der betuchte Bürger und Mittelpunkt eines einträglichen Geniekults, der zugleich soziale Mißstände, die Notlagen der Ausgestoßenen, wahrnahm und so nachdrücklich zu einem Gegenstand seiner Kunst machte, daß Käthe Kollwitz ihn zeitlebens bewunderte (und auch an seinem Begräbnis teilnahm).
Klinger, der den Althumanisten Brahms verehrt (und schließlich auch dessen Wertschätzung erringt) und andererseits Hindenburg plakatiert, um weitere Spenden für den Krieg einzutreiben.

Seine Grabplastik hat Klinger selbst geschaffen und bestimmt, seine Stele und die seiner jungen Geliebten, buchstäblich Tage vor seinem Tode geehelichten Frau, schuf ein gemeinsamer Bildhauer-Freund, der wiederum ein halbes Jahr später die Witwe heiratete.

In Klingers Weinberg stehen auch heute noch oder wieder die Rebstöcke „wie die Gendarmen“ und zu seinen Füßen strömt die Unstrut eilig der Vereinigung mit der Saale entgegen.
kranich05 - 2007/06/25 23:27












