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Samstag, 16. Juni 2007

15.6. In der Ebene nach dem Gipfel

Der Beginn meiner Ferienfahrt gen Süden fiel mit den ersten Protestaktionen im Norden zusammen. Räumliche Distanz, nicht Distanzierung.
Seit Monaten hatte alles, was links, alternativ, protestbereit usw. war gegen den Gipfel der G8 an der Ostseeküste mobilisiert. Ich habe diese Bemühungen mit Sympathie verfolgt. Hochachtung verdienen der Mut, die Tatkraft, die Phantasie der Aktiven. Selbst aktiv zu werden, blieb mir aber ziemlich fern. Warum eigentlich?

Vielleicht liegt es an der Grundkonstellation.
Alle die Gipfelhäupter haben die demokratischen Weihen, sprich viele Millionen Stimmen ihrer jeweiligen Bürgergesellschaften. Wie wenig real- oder gar radikaldemokratisch die sind, braucht mir niemand zu erklären. 80 oder 100 Tausend Demonstranten haben zwar ihre unbestreitbare basisdemokratische Legitimation. Aber eben nur mit dem Gewicht von 80 oder 100 Tausend.
Wenn die acht Häupter die UN beiseite lassen und sich anmaßen, die Geschicke der Welt zu bestimmen, so ist das eine Sauerei gegenüber den übrigen 150 Nationen. Diese sollten dagegen laut und deutlich auftreten. Fragwürdig wäre es aber, würden 80 000 Demonstranten versuchen, die Völker der Welt zu vertreten. Das wäre nicht nur eine Selbstüberforderung.

Viele kritische Positionen der Demonstranten teile ich. Wenn sie am Ende aber in dem Satz zusammenlaufen: "Eine andere Welt ist möglich!", beschleicht mich doch ein Gähnen. Konkrete politische Analysen und konkrete politische Forderungen an jeden einzelnen Gipfelteilnehmer und an alle gemeinsam sind erforderlich. Den G8 statt dessen mit Rhetorik zu begegnen, das muß zum Verpuffen eines großen Teils der aufgewandten Energie führen. Das verlängert außerdem die Desorientierung der Masse der beobachtenden Bevölkerung.

Wie löblich ist es, energische Taten zur Rettung des Erdklimas zu fordern. Wie zweideutig aber ist es zugleich, kaum ein Wort zu den Kriegen zu verlieren, die etliche der G8-Staaten führen. Immer noch, auch in unserer so komplexen Welt, werden Kriege von Menschen gemacht. Demokraten und Humanisten müssen die Verursacher und Gewinner der Kriege nennen und sich mit den Opfern und dem Widerstand solidarisieren. Darunter geht es nicht.
Übrigens gehört auch zur politischen Bewußtheit, daß die globalisierungskritische Bewegung zu den Parteien des herrschenden Demokratiesystems in offen erklärte, nachvollziehbare Beziehungen tritt.

Bei der politischer Blässe verwundert es nicht, daß die Blockaden, die "Aktionen am Zaun" zu den heiß umkämpften Highlights wurden.
am-Zaun
Ja, Widerstandsaktionen können die beste Schule sein, wenn sie klaren politischen Zielen dienen, nicht aber, wenn sie tendenziell Selbstzweck werden.
Einige hatten anfangs sogar den Kampf "Mann gegen Mann", "Demonstrant gegen Bulle" zur Krone des G8-Protests erhoben. Sie priesen das tolle Gefühl, mal "den Bullen das Laufen beigebracht" zu haben. Sie hatten endlich wieder einmal den Schritt vom Rande der politischen Arena mitten auf den Abenteurerspielplatz geschafft.
Um die Erlaubtheit und die Zweckmäßigkeit von Gewaltausübung ist jetzt wieder eine Diskussion aufgeflammt. Ich hoffe, daß die reichen Erfahrungen, die es dazu gibt, für die Akteure von heute interessant sein werden. Dazu gehört es, genau zu unterscheiden zwischen den Geheimagenten des Staates, den Extremisten, die nur aus Zufall nicht bei den Nazis gelandet sind und den Kindsköpfen, die aus aktionistischem Übereifer handeln.

Es wird noch viele G8-, G12- oder G15-Gipfel geben. Werden die Kritiker des globalisierten Kapitalismus Gegenrechnungen aufmachen, die diesen Namen verdienen? Und wer wird sie eintreiben?

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