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Freitag, 15. Juni 2007

14.6. in Leipzig angekommen

Gestern und heute viel Sonne, viel Hitze.
Ich fahre mit Wonne und gucke und schwitze.

Die Dübener Heide hab ich bewußt auf einsamen Wegen durchquert. Trotzdem von Heide keine Spur. Von Anfang bis Ende ging es durch Wald, und geschlaucht haben die aufgeweichten Forstwege.

Bad Düben wirkte auf mich ähnlich steril, wie Bad Berka vor einigen Monaten. Ob es gerade der Kurbetrieb ist (von dem man ja eigentlich "Kurleben" erwartet), der die Städtchen leerfegt, eben weil die Kureinrichtungen eher Leben "aufsaugen" als hergeben?
Der weitere Weg über Eilenburg nach Wurzen führte durchs Muldetal.

Mulde

Der Mulde hat man ihre Überschwemmungsflächen noch nicht genommen, und entsprechend naturwüchsig und belebt und abwechslungsreich ist diese Flußlandschaft. Dazu der meist gut ausgebaute Radweg und auch noch erntereife Kirschbäume am Rande, was willst du mehr?

Faehre-Gruna

Wurzen, Geburtsort von Hans Bötticher/Joachim Ringelnatz, wollte ich nun endlich kennenlernen. Die "große Kreisstadt" stellt sich als eine einzige Baustelle dar. Die ganze Stadtanlage, auch einzelne Gebäude, haben durchaus etwas Enormes, dagegen und dazwischen die untilgbaren Spuren, die der Hammer des Krieges geschlagen hat (noch krasser ist das in Eilenburg sichtbar geblieben). Ja, die Deutschen wohnen in einem Vaterland, das als Folge ihrer Kriegsgeilheit 50% seiner historischen Identität, zumindest seiner städtisch-baulichen, verloren hat. Vaterlandsvergessene Bande, die nicht zu schätzen weiß, was sie hat.

Das städtische Museum Wurzen befindet sich in einem Haus aus dem Mittelalter. Seine Maße, seine Gliederung, sein Geist - man muß es einfach lieben. In seinem Zentrum eine Treppe mit Charakter, eine derbe, breite, unregelmäßige Wendeltreppe aus Holz.

Die-Treppe

In der vorgeschichtlichen Abteilung des Museums ist ein besonders wertvoller Bronzering erwähnt (gesehen habe ich ihn nicht), von dem es heißt, durch die Restauration sei er leider kleiner geworden und im Wert gemindert.
DAS hat mit noch kein Museum gesagt!
Die Ringelnatzausstellung ist nicht sehr groß aber sie zeigt dem aufgeschlossenen Besucher einen Ringelnatz, nicht zuletzt den Zeichner und Maler, wie er ihn vielleicht noch nicht kannte und nun besser kennenlernen möchte.
Ringelnatz

In der Ringelnatz-Buchhandlung am Markt frage ich nach Bernd Wagner, einem anderen Schriftstellersohn der Stadt. Sieh da, der Name ist der Buchhändlerin sogar bekannt, allerdings keins seiner Bücher, und lieferbar ist auch nichts.

Von Wurzen nach Leipzig.
Und noch einmal ein Lob den zerzausten, verkrüppelten, mißachteten, beraubten und doch den Wanderer, besonders den Radwanderer (denn der benutzt sein Fahrrad als Trittstufe), immer wieder auf das Köstlichste labenden Kirschbäumen!

13.6. Landschaft ist einfach da und duftet und singt

Ich höre eine Kritikerstimme: Wie banal und schwülstig: Natürlich ist Landschaft da, und was duftet sind Blumen, während die Vögel singen.
Schon recht.
Aber wie soll ich besser ausdrücken, was ich empfinde?
Dieses Erlebnis, über das ausgedehnte Feld, über den Wiesenplan zu blicken. Mehr nicht.
Alles ist sich selbst genug.

Landschaft1

Natürlich haben überall die Menschen eingewirkt, die Bauern, die Forstwirte, die Fischer. Nicht zuletzt die Bauleute haben ihre Spuren hinterlassen. Und dennoch, so sehr sie auch gestalten, kaum haben sie den Rücken gekehrt, übernimmt wieder die Natur das Regiment. Und liegt und wartet und träumt und könnte viel erzählen, wenn jemand hören wollte. Z. B. jene Wegbiegung dort, mit der kleinen, dunkler gefärbten Vertiefung, über die sich ein kahler Ast spreizt.
Immer wieder halte ich mit meinem Fotoapparat in dieses weit geöffnete Fenster, und mein Sohn, der Fotograf ist, fragt am Ende, ob es mir nicht langweilig wird, immer diese gleichartigen Landschaftsbilder zu knipsen.

Landschaft2

Die Mittagshitze flirrt, du bist eingehüllt in den eigenen Schweiß. Daß die Luft dennoch erfrischt, spürst du, sobald du in einen Schatten trittst. Deine Nase nimmt etwas wahr. Ist das Getreideduft? Allergiegeschlagen bist du nicht, aber dir fehlen Begriffe, um auszudrücken, was du undeutlich wahrnimmst: Jasmin, Holunder, Wiesenmahd, Holz, Moschus. Wieviel Begriffe würde es brauchen, um das Duftbukett eines halben Kilometers Feldweg zu beschreiben!
Der Analphabetismus des Städters.

Und nicht anders die Töne, die die Luft erfüllen. Besonders an den Waldrändern, an denen ich oft mein Zelt aufschlage, sind die abendlichen und morgenlichen Stimmen der Vögel von einer unglaublichen Vielfalt und überraschenden schönen Ausdruckskraft. Vielleicht hält ja die ganze Vogelrepublik eine außerordentliche Versammlung, und es wird über das Schicksal des Eindringlings disputiert.

Landschaft3

Des Mittags ist vielleicht, unsichtbar aus dem Himmel herab, nur lautstark die Lerche zu hören. Ich Halbblinder habe oft den leeren Himmel abgesucht und mich gefragt: Wo kommt der ganze Jubel her. Jetzt hatte sich mal eine Lerche aus der Nähe gezeigt. Deutlich konnte ich den lebhaften, mühelosen (?) Flügelschlag sehen, mit dem sie offenbar Aufwind unter ihre breit gefächerten Schwanzfedern lenkte und so (wahrscheinlich) ziemlich kraftsparend im Luftfahrstuhl manövrierte.

Radau existiert nicht in der Natur, obwohl sich nicht alles so lautlos abspielt, wie die Begegnung mit dem Fuchs, der meinen Weg kreuzt. Radau und Waffengetöse sind verwandt. Radau ist das Vorrecht des Menschen, der den modernen Maschinen vertraut. Ob die Geräte und Maschinen der künftigen, nachhaltigen Kultur wieder stiller werden?


Und alle Bilder wieder, wie ich schon einmal bemerkt und mich entschuldigt habe, ohne jede Bearbeitung.

12.6. Eisenstadt

Eisenstadt hat mich nicht geschafft und die Defekthexe auch nicht.
Nach meiner Fahrtunterbrechung hatte ich gestern nicht die richtige Entdeckerlaune. Die Hitze kam hinzu, auch die Lektüre der angesammelten Zeitungen der letzten Woche, kurz, ich beschloss, mich an den nächstbesten See zu legen. Fahrtziel also der Bergwitzsee, nicht sehr weit südlich von Wittenberg. Da passierte der erste Ärger - platter Vorderreifen. Es war nur das Ventil, Problem also schnell behoben. Der zweite Ärger - plattes Hinterrad. Mit viermal Nachpumpen erreichte ich wenigstens den Campingplatz Bergwitzsee. Beim Wechseln des Schlauchs passierte dann der dritte Ärger: Der winzige Plasteschniepel des winzigen Plasteteils der Nabenschaltung, das auf der Hinterradachse sitzt, brach weg. (Jetzt weiß ich, das Teil heißt "Fixierhülse", ein Pfennigartikel, für den man aber 4,60 Euro bezahlt.) Nichts ging mehr. Also mühsam (weil immer im 6. Gang) die 10 Kilometer nach Gäfenhainichen zum Fahrradmonteur. Während er das Fahrrad in Behandlung nahm, machte ich mich auf zur Eisenstadt "Ferropolis",
Eisenstadt1
einer Halbinsel, auf der sich fünf Braunkohle-Tagebau-Giganten des ausgekohlten Tagebaus Golpa Nord ein Stelldichein geben.
Eisenstadt2
Auf einer Halbinsel, denn der ehemalige Tagebau wird seit 2000 geflutet und geht jetzt langsam seiner Vollendung als Grimmener See entgegen, in Ausmaßen etwa des des Berliner Müggelsees. Das waren hin- und zurück 10 km Fußmarsch in drückender Sonnenhitze.
Aber glücklich war ich am Ende doch über mein wiederauferstandenes Fahrrad, jetzt auch gleich mit komplett neuen Decken. Dann eine flotte, immer eiligere Rückfahrt. Sie wurde nämlich von zunehmendem Donnern und Blitzen begleitet. Am Ende war ich völlig durchnäßt, nicht vom Gewitterregen, sondern vom Schweiß.

Sturm-droht

Den See peitschte der Gewitterwind, noch warf die Sonne ein fahles Licht, alle Badegäste flüchteten aus dem Wasser, während ich mich hineinwarf. Die zwei Minuten Erfrischung mußten noch sein. Dann brach ein Unwetter los, wie ich es im Zelt noch nicht erlebt habe. Woher der Sturm die Kraft nahm, auf eine schwerste Böe, immwer eine noch schlimmere folgen zu lassen? Da paßte die Redensart vom "Wüten entfesselter Elemente".
Wie die Zeltwände auch hin- und hergerissen wurden, sie blieben unlösbar verankert an den Schnüren und Stangen und Zeltnägeln. Und erstmals so deutlich durfte ich die sinnreiche Konstruktion des Überzelts beobachten, nicht nur den Regen abzuleiten, sondern auch sich dem Sturm zwar entgegenzustellen aber zugleich dem Wind auch Austritt zu gewähren, so daß der nie alle seine Macht sammeln kann. Mit extremer Stärke wütete der Sturm wohl nur eine Viertelstunde, danach gab es noch anhaltend kräftigen Regen. Ihm hab ich, in meinem Schlafsack geborgen, vergnügt zugehört. Die Feinheiten des Aufbaus und der Benutzung des Zelts beherrsche ich inzwischen so gut, daß sich gegen jede Art Regen ein Gefühl völliger Sicherheit eingestellt hat.

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