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Donnerstag, 7. Juni 2007

6.6. 20.30 Uhr, in Brandenburg/Havel

Da posaune ich ständig hinaus, daß ich mit Muße reise, daß ich mir Weile lasse, so, als ob man sich das einmal vornimmt und dann hat man’s sicher. Das ist keineswgs so. Je mehr ich kennenlerne, umso öfter muß ich entscheiden, darauf zu verzichten, jenes sein zu lassen. Andernfalls würde ich gleich wieder in Streß geraten.
So verzichte ich bei dieser ganzen Havellandtour fast völlig auf die Havel. Und die Bruchlandschaft nördlich Ketzin, so sehe ich aus de Ferne, muß ein Paradies sein, um wochenlang Wasserurlaub zu machen.
Oder jetzt Brandenburg. Das Industriemuseum und zwei Erinnerungsstätten haben mich so gefesselt und beansprucht, daß ich alle anderen Ziele absetzen mußte: Nix Stadtmuseum, nix Dommuseum, kein Konzertbesuch am Abend.

Der Tag beginnt mit einem Rätsel. Im Frühstücksraum sitzt ein gemütlicher Mensch im roten Dress. Auf seinem Rücken lese ich "Scheibenfeuerwehr". Manchmal habe ich ja Phantasie, und so fällt mir der "Scheibenwischer" ein und der "Wochenschauer" von Martin Buchholz. Sicher ist mir gestern eine Kabarettveranstaltung entgangen. Als ich frage, kriege ich schnell Klarheit: "Na, wir machen ganz schnell die Scheiben wieder heil."
Wie konnte ich in unserer Autogesellschaft darauf nicht kommen.

Kindergarten

Die lieben Kleinen in diesem Garten werden frühzeitig daran gewöhnt, Phantasie und Spieltrieb nicht autofern zu entwickeln.
Es scheint, daß die menschliche Entwicklung auf keinen Fall hinter das Auto zurückgeht. Die herrschenden Mächte schicken sich an, die Klimafrage ernst zu nehmen. Strukturelle Fortschritte sind notwendig, heißt es, ein Autoverzicht aber, auch ein partieller, steht nicht zur Diskussion.

Dabei kann man schon als Fahrradfahrer sein blaues Wunder erleben. Ich z. B. fahre höchst unprofessionell mit einem baumelnden Beutel (Freßbeutel) an der Lenkstange. Habe versäumt, mir rechtzeitig eine Lenkertasche zu besorgen. ("Krieg ich doch überall.") Kriegte ich aber in ganz Nauen nicht.
Und nun in Brandenburg?
"Natürlich haben wir Lenkertaschen, hier für 69 Euro", sagt der stolze Spezialladeninhaber für Ketteler-Markenräder. Die zweite Verkäuferin sieht mich zum Protest anheben: "Und hier eine für 49 Euro".
"Das ist eben die besondere Survival-Qualität", tönt es hinter mir, als ich flüchte.
Beim Freund aus Vietnam habe ich eine wunderbare Gürteltasche bekommen, für 10 Euro, die bestens an meinen Lenker paßt.

Industriemuseum Brandenburg.
Museum1
Museum2
Ein kompletter Siemens-Martin-Ofen aus dem früheren VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg ist zu besichtigen - Monumental!
Mit einem Male wird mir noch einmal faßbar, was die stehende Redensart früher DDR-Jahre bedeutete: "Wir mußten erst eine eigene Schwerindustrie aufbauen."
Die alten Bekannten, metallurgische Krane aus dem Schwermaschinenbaukombinat "Ernst Thälmann" Magdeburg (SKET), sehe ich wieder. Einer kann 280 Tonnen heben.
Die gegenständliche Gewalt der Exponate spricht aus, was die DDR, jenseits aller Schwallungen in die Jahre gekommener Bürgerrechtsprofis und westdeutscher Berufsdelegitimierer auch war - eine bedeutende Industriemacht. Der nichts geschenkt wurde.
Freilich. 1989 war der (kurz zuvor noch modernisierte) S-M-Ofen in Brandenburg der letzte in Westeuropa. War diese Industriemacht nun reif zum Abtreten?

In Brandenburg geht man durch die Straßen, ahnt nichts Böses - ich habe wirklich nicht danach gesucht -
nichtsahnend
und steht vor Erinnerungsstätten der schlimmsten Naziverbrechen. Mitten in der Stadt ein Ort, heute teilweise von der Stadtverwaltung genutzt, an dem 1940 tausende Behinderte, "Lebensunwerte", ermordet wurden. Eine Gaskammer, Verbrennungsöfen, buchstäblich Haus an Haus neben den Wohnstätten nichtsahnender oder doch ahnender Bürger.
Unfaßbares, immer wieder "nur Generalprobe" für neues, immer wieder noch Unfaßbareres.
Welch ein außerordentlicher Mensch muß Georg Elser gewesen sein, daß er bereits 1939 den Tyrannenmord beschloß und mit jeder nur denkbaren Konsequenz vorbereitete.

7.6. 11 Uhr
Jetzt geht meine Fahrt weiter, in den Hohen Fläming. Mindetens zwei Tage werde ich wohl kein Internetcafe sehen.
Dann wieder aus Lutherstadt Wittenberg!

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