Wir machen Station am „Baia delle Sirene“, „St. Vigillio“, dem „schönsten Ort der Welt“, wie auch Prof Otto Hahn, der deutsche Atomwissenschaftler, befand, kurz vor Garda.

Schön ist das „trauliche Maß“. Die Dimensionen der Gebäude am See sind eher bescheiden. Aber sie sind auf Wirkung bedacht, im Halbkreis angeordnet und durch eine Ziermauer verbunden. Durch letztere entsteht eine gefällige, zugleich solide Geschlossenheit des Gebäudekomplexes. Dazu gehört das kleine Hafenbecken, in dem sehr wohl die Boote durch zwei ernsthaft ausgreifende Steinmolen gegen jeden rauen Wellengang geschützt sind, deren Abmessungen aber zugleich an eine Spielzeuganlage erinnern. Am „Hafeneingang“ ein gußeiserner Rest , den ich mir als Überbleibsel vom Kandelaber eines Hafenfeuers vorstelle.

Zwischen den Gebäuden und dem Wasser kann man auf grob gefügtem Steinweg entlang gehen und weiter bis zu den Molenköpfen.
Gerade durch diesen groben, holprigen Weg entsteht so etwas wie Intimität, historische Distanz sowieso; hier sollen nicht hunderte Fremde promenieren, sondern hier sitzen oder wandeln die „eigenen Leute“, gehen ihrem Tagwerk oder ihrem Vergnügen nach oder beidem.
Mühelos könnte man vom Boot im Hafenbecken mit jemand reden, der oben aus dem Fenster schaut.

An der Fassade des Hauptgebäudes im ersten Stock eine Figurengruppe. Die Haltung der einen Figur erinnert mich an Barlachs Bettler, auch an Rembrandts „Heimkehr des verlorenen Sohnes“. Vielleicht ist mir das ganze auch deshalb so sympathisch.
Dies Hafenensemble ist nur ein kleiner Teil der Gesamtanlage, die wir nicht zu Gesicht bekommen – privat.
Natürlich fehlen die Standards des italienischen Flairs nicht, die Läden vor den Fenstern gegen die Sonne und die flachen Dächer, die keine Schneelasten zu tragen brauchen.
Ich erwarte überall in Italien dieses „Handgemachte“ der baulichen Anlagen und damit verbunden ihr menschliches Maß. Das ist Erbschaft aus der Zeit zwischen dem 12. Und 18. Jahrhundert.
In Deutschland gab es dieses Erbe auch. Es ist 2x verwüstet worden, einmal im Dreißigjährigen Krieg und dann im 2. Weltkrieg.
Uns sind spärliche Reste geblieben, heute meist konserviert und geschminkt aber keine Allgegenwart in alltäglicher Nutzung.