Mir fällt auf, in jüngster Zeit mehr denn je, dass deutsche Politiker darauf pochen, aus der Geschichte gelernt zu haben. Dabei denke ich nicht zurück an den „Mantel der Geschichte“ des Helmut Kohl, auch nicht an Joseph Fischer mit seinem Auschwitz-Vergleich.
Jüngstes Beispiel liefern die PDS-Politiker Brie, Markov und Zimmer, die eine Attacke des europäischen Parlaments gegen Kuba unterstützt haben. Aus der DDR-Geschichte hätten sie gelernt, sagt Andre Brie,
http://www.jungewelt.de/2006/02-18/037.php?sstr=Brie
dass sozialistische Staaten keine Menschenrechtsverletzungen zulassen dürften. Zumindest einseitig ist sie, diese Pose des historisch Erfahrenen, eines Musterschülers, der nun den Rüpeln ihre schlechten Manieren unter die Nase reibt, mittlerweile selbst zum Lehren berufen.
Dabei sollte doch schon ein Funken dialektischen Verstandes die Erkenntnis zulassen, dass die Geschichte keine einfachen Lektionen erteilt.
Die deutschen Kommunisten hatten nicht nur zu lernen, dass die Beschränkung der bürgerlichen Freiheiten dem Sozialismus der DDR geschadet hat, sie durften auch erleben, dass die „deutschen demokratischen Revolutionäre“, die Bürgerrechtler, fast ausnahmslos angetreten, den Sozialismus zu verbessern, sich schon bald beeilten, jeden Krümel Sozialismus zu tilgen. U. J. Heuer hat angedeutet, wie heute ein verantwortungsbewusster Umgang von deutschen Linken mit Menschenrechtsfragen in Kuba aussehen könnte.
http://www.jungewelt.de/2006/02-22/001.php?sstr=Brie
Frau Angela Merkel, auch sie vor 15, 16 Jahren bürgerbewegt für einen besseren Sozialismus, fühlt sich ebenfalls berufen, Lehren der Geschichte zu verkünden. Sie kann nicht schnell genug die Rochade an die Seite des Staatsterroristen Bush vollziehen, gewürzt mit feinsinnigen, viertelherzigen Verbaldistanzierungen (z. B. zu Guantanamo, Geheimdienstfolter, Präventivschlägen). Sie hat aus der Geschichte kapiert, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Der iranische Präsident lieferte die passende Vorlage, um endlich wieder den Hitler-Vergleich ziehen und die deutsche eiserne Faust zeigen zu können. Und wir sollen einfältig zustimmen.
Mir scheint, in unserer Art Demokratie berufen sich Politiker meist dann auf Geschichte,
wenn sie ihre wirklichen Interessen verbergen wollen,
wenn sie Ziele verfolgen, für die sie nur schwache Argumente haben,
wenn sie auf unsere Denkfaulheit spekulieren,
wenn sie uns in eine neue, härtere Runde einspannen wollen ihres Spiels
„Verteidigung am Hindukusch“,
kurz,
wenn sie ihren Job machen, der nicht der unsrige ist.