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Montag, 8. Februar 2010

Mein MfS

Vor 60 Jahren, am 8. Februar 1950, wurde das MfS gegründet. Ich war damals 9 1/2 Jahre alt. Wenige Jahre später erwachte mein Interesse für Politik. (Mit 11 Jahren begann ich in der "Jungen Welt" zu lesen, die meine große Schwester abonniert hatte.) Ich erinnere mich, den Prozeß gegen die Burianek-Bande im Jahr 1952 bereits aufmerksam im Rundfunk verfolgt zu haben.
Meine Parteinahme für den Staat, in dem ich aufwuchs, hat sich wie selbstverständlich, gleichsam naturwüchsig herausgebildet. Wie ich gelegentlich in meinen Blogs erwähnt habe, waren dabei bestimmt antifaschistische "Urerfahrungen" mit Verwandten bedeutsam.
(Aufs Äußerste empört und nachhaltig politisiert hat mich übrigens der Suezkrieg, den Frankreich, Großbritannien und Israel 1956 gegen Ägypten führten.) Mit dem Kommunismus erstmals ernsthaft in Berührung kam ich 1957 mit der Aufgabe, in meiner Schulklasse (11. Klasse) ein Referat über das "Kommunistische Manifest" zu halten. Nachdem ich mich in den ungewohnten Stil eingelesen hatte, war ich total begeistert und gab meinen Mitschülern unaufgefordert eine dreiteilige umfangreiche Einführung.

Die Jahre vergingen - ich will nicht mit Einzelheiten langweilen.
An der historischen Legitimität der DDR habe ich damals nicht, bis heute nicht eine Sekunde gezweifelt. Daß jeder Staat Geheimdienste hat, war immer eine Binsenweisheit. Daß unsere Revolution bzw. unser sozialistischer Staat genau diese auch brauchte, um sich bösartiger Angriffe zu erwehren, lag auf der Hand.
Dazu kam Romantik, revolutionäre Romantik aus den Zeiten der russischen Revolution, die gerade auch im Vergleich zu der gewissen DDR-Tristesse lebendig blieb und attraktiv war.

Anfang 1964 war es wohl, gegen Ende meines Studiums, daß zwei unbekannte Herren mich aufsuchten, sich auswiesen und fragten, ob ich bereit sei, freiwillig und ehrenamtlich für das MfS zu arbeiten. Dabei sagten sie:"Es kann aber bis ganz dicht an den Feind gehen." Ob das nun eine Warnung war oder ein psychologischer Trick: Jedenfalls war ich ohne Wenn und Aber zur Zusammenarbeit bereit und noch dazu stolz, auserwählt worden zu sein.
Es folgten Jahre regelmäßiger Einsätze in Westdeutschland. Im Wesentlichen ging es um die Aufnahme und Entwicklung von Kontakten zu Menschen, die bereit waren, mit der DDR zusammenzuarbeiten. Diese Arbeit forderte mich, war interessant und lehrreich. Sie gründete sich von Anfang bis Ende auf wechselseitiges Vertrauen, politische Überzeugung und gemeinsam erarbeitete Standpunkte und Handlungsoptionen. Natürlich lief alles konspirativ und neben meinem normalen Leben und Arbeiten. Manchmal war es durchaus zeitlich/physisch belastend aber als junger Mensch hatte ich keine Schwierigkeiten, die Anforderungen zu bewältigen.
Diese Etappe endete als eine meiner Kontaktpersonen sich entschloß, in die DDR zu übersiedeln und nicht ausgeschlossen werden konnte, daß meine Rolle den gegnerischen Diensten bekannt geworden sein konnte.

Danach gab es eine mehrjährige, so gut wie 100%ige Pause. Die Initiative zur Wiederaufnahme der Zusammenarbeit ging von mir aus. Das muß etwa 1978 gewesen sein.
Ich war ja nur in der Aufklärung eingesetzt gewesen, nicht in der Abwehr. Natürlich aber hatte ich mich gefragt, wie ich mich verhalten würde, wenn mir Abwehraufgaben gestellt würden - um es in heutiger Sprache zu sagen: Spitzelberichte verlangt würden.
Grundgesetz meiner Mitarbeit (das nie verletzt wurde) war die Freiwilligkeit. Ich machte mir klar, daß ICH entscheiden mußte, ob ich über eine Person berichte oder nicht. Und ich beschloß, zu berichten und ausschließlich dann zu berichten, wenn ICH zu der Überzeugung gelangt wäre, daß diese Person vermutlich feindlich gegen die DDR handelt.
Diese Situation ist zweimal eingetreten, zum ersten Mal ca. 1978, woran sich wieder eine Zusammenarbeit anschloß, die bis 1989 dauerte.
Diese Zusammenarbeit war (zu meinem Bedauern) nicht mehr mit interessanten Einsätzen in Westdeutschland verbunden. Es ging eher darum, Besucher der DDR aus dem westlichen Ausland zu kontaktieren, Beziehungen aufzubauen, die ab einem bestimmten Entwicklungspunkt auf andere Mitarbeiter übergeleitet wurden. Auch diese Arbeit war lehrreich und erschien mir sinnvoll. Ihre Intensität war geringer als in früheren Jahren.

Mit den Jahren (ich denke etwa ab 1985) spielte eine andere Aufgabe eine wachsende Rolle: Berichte über "Stimmungen und Meinungen" in der Bevölkerung. Als WBA-Vorsitzender in Berlin-Mitte hatte ich Kontakte zu vielen Bürgern und also "das Ohr an der Masse". Es war die Zeit sich verstärkender Krisentendenzen in der DDR und meiner sich verschärfenden Kritik an der politischen Stagnation. Mit den Stimmungsberichten bot sich mir die Möglichkeit, meine eigenen Überzeugungen und kritische Wertungen auszusprechen, als Meinung von Bürgern dargestellt. Interessanterweise zeigte sich mein Führungsoffizier nie an Name und Adresse solcher Bürger interessiert. Ich glaube, daß er nicht Einzelfakten brauchte, sondern daß er meine Einschätzungen, Verallgemeinerungen und Formulierungskünste benutzte, um seine eigenen Berichte "nach oben" zu qualifizieren.

Ende 1989 oder Anfang 1990 beendeten wir unsere Zusammenarbeit "im gegenseitigen Einverständnis". Ich hatte vom ersten bis zum letzten Tag meiner Zusammenarbeit immer denselben Führungsoffizier. Die Regeln der Konspiration hielten wir ohne Abstriche ein, so daß ich nicht seinen Namen kenne und es mir Mühe bereiten würde, ihn wieder zu finden. (Ich hoffe, daß es ihm gut geht und er gesund ist.) In unserer Zusammenarbeit gab es EINMAL (1987) einen Konflikt, als er etwas verlangte, wozu ich nicht bereit war. Er deutete daraufhin an, daß das Konsequenzen für meine berufliche Entwicklung haben könnte. "Muß es eben haben", hielt ich dagegen.
Danach war ein Vierteljahr Funkstille, und danach ging die geschilderte Zusammenarbeit weiter.

Wie ging es nach 1990 weiter? Dazu nur ganz kurz, denn ich blogge ja meine Tagebücher aus dieser Zeit (tageundjahre.de), und in diesem Rahmen ist Gelegenheit zu Ausführlichkeit.
Nach 1990 habe ich mich (über mehrere Schritte) zu dem Entschluß durchgerungen, daß ich meine IM-Tätigkeit offenbaren sollte. Dazu hatte ich als Abgeordneter der SED-PDS in Berlin-Mitte 1990 oder 1991 Gelegenheit. Daraus wurde ein umfängliches Kapitel, Medienmühle dabei, interessant, interessant, natürlich Arbeitslosigkeit. Also nichts Schlimmes. Am Ende sehr gut und gesund das Gefühl, nicht gekrochen zu sein.
Ich habe einige mit besonders nahe stehende Menschen, vier sind mir bewußt, enttäuscht, und zwar nicht wegen konkreter Verfehlungen, sondern allein wegen der Tatsache, daß ich vor ihnen verbergen konnte, dieses "Doppelleben" geführt zu haben.

Meine früheren romantischen Blütenträume, Geheimdienste hätten eine besondere Macht für's Gute zu wirken, sind lange passe.
Wo man gute Politik klug macht, kann es wohl auch nützliche Geheimdienste geben. Die beste Sicherheit ist aber die Öffentlichkeit.
Wo die Herrschenden die Öffentlichkeit scheuen und gegen das Volk agieren, sind Geheimdienste die übelsten Instrumente. Anschauungsunterricht jeden Tag.

Am Anfang des neuen Gartenjahres

In manchen Gartenbüchern steht ja, daß man ab Februar die ersten Aussaaten vornehmen kann, z. B. Puffbohnen.
Wir haben dafür wohl noch 'ne kleine Weile Zeit.

unser kleines Gewächshaus

Sonntag, 7. Februar 2010

Das wichtigste Buch 2008: Minqi Li – A Must Read

Beim Aushilfshausmeister habe ich eine Buchbesprechnung von Andreas Exner gefunden:
"Der zweideutige Aufstieg Chinas".
Die fängt so an:
“The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy”, so lautet der Titel von Minqi Li’s Erstlingswerk, das im November 2008 bei Pluto Press erschienen ist, übersetzt “Der Aufstieg Chinas und der Niedergang der kapitalistischen Welt-Ökonomie”. Li vereint darin zwei Qualitäten, die einzeln häufig, in Kombination jedoch selten sind: einen marxistischen Zugriff auf Gesellschaft und einen breiten ökologischen Horizont. Derart ausgestattet wagt er, was bis dato selten jemand tut: das Ende des Kapitalismus zu denken. Das Buch untersucht die Dynamik des kapitalistischen Welt-Systems und analysiert, welche Rolle der Aufstieg Chinas in diesem Kontext spielt. Minqi Li befasst sich mit dieser Frage schon geraume Zeit und resümiert seine Ergebnisse gleich zu Beginn: “Ich argumentierte, dass der ökonomische Aufstieg Chinas das kapitalistische Welt-System in der Tat auf verschiedene Weise stark destabilisieren und damit zu seinem endgültigen Niedergang beitragen würde.” Dies ist auch die Kernthese von “The Rise of China”.
Systemische Akkumulationszyklen
In den ersten beiden Kapiteln rollt Li im Schnellschritt die chinesische Geschichte auf, um Chinas industrielle Expansion in die Hegemonie- und Akkumulationszyklen einordnen zu können, die das Welt-System seit seinem Beginn vor rund 500 Jahren bestimmen. Die Theorie der systemischen Akkumulationszyklen wurde von der Weltsystemschule entwickelt; vor allem in den 1990er Jahren. Ihre Grundidee findet sich bei Karl Marx, der im ersten Band des “Kapital” schreibt: “Mit den Staatsschulden entstand ein internationales Kreditsystem, das häufig eine der Quellen der ursprünglichen Akkumulation bei diesem oder jenem Volk versteckt. So bilden die Gemeinheiten des venetianischen Raubsystems eine solche verborgne Grundlage des Kapitalreichtums von Holland, dem das verfallende Venedig große Geldsummen lieh. Ebenso verhält es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts sind die Manufakturen Hollands weit überflügelt und hat es aufgehört, herrschende Handels- und Industrienation zu sein. Eins seiner Hauptgeschäfte von 1701-1776 wird daher das Ausleihen ungeheurer Kapitalien, speziell an seinen mächtigen Konkurrenten England. Ähnliches gilt heute zwischen England und den Vereinigten Staaten.”

Danach sollte das Interesse des Lesers geweckt sein.
Zum Schluß gibt es noch den Hinweis auf die hochinteressante Website "social-innovation.org".

Mir scheint, das ist Stoff für mehr als eine gelegentliche Sonntagslektüre.

Springerblatt hetzt zum Krieg

Tageszeitung DIE WELT fordert Bombardierung Irans

In der Zwischenzeit wurde dieser kriminelle Artikel offline gestellt.
Aber natürlich ist er im Google Cache erhalten, hier.

Samstag, 6. Februar 2010

Clausewitz an Stein 1812

Bei Borissow, den 18./30. November 1812
"Ew. Excellenz haben keinen Begriff von dem Anblick, welchen die Landstraße gibt. Tausende von toten Menschen und Pferden liegen auf derselben, Sterbende wimmern in den Gebüschen, gespensterhafte Menschen ziehen in Haufen vorüber und schreien und jammern und weinen nach Brot; sie schleppen sich in Lumpen, in denen man mit Mühe erkennt, daß es französische Soldaten sind; fast keinen sieht man mehr, der noch ein menschliches Aussehen hätte... Ich habe Lust gehabt, in einem etwas lebhaften Schreiben ein Bild von diesem Elend zu entwerfen, um durch Ew. Exzellenz Vermittlung dasselbe gedruckt nach Deutschland und Frankreich zu befördern, damit die Menschen dort nicht ewig hintergangen werden und das Elend kennen lernen, in welches sie ihre Brüder in die Ferne senden..."

Manchmal ist es nur ein Satz - RIA Novosti

"Ein beliebiger Militärkonflikt unter Einsatz herkömmlicher Waffen kann nach Ansicht der Militärführung Russlands "jederzeit in einen Atomkrieg" ausarten."
So geht es aus der Militärdoktrin Rußlands hervor. Diese wird hier näher erläutert.

Und die Kanzlerin bereitet vor, Israel ein weiteres atomwaffenfähiges U-Boot zu schenken, oder was wurde mit Netanjahu und Peres besprochen?

RotFuchs - zwischen Liebe und Haß

"Die Liebe aber heftet fleißig die Augen" - das schöne Dichterwort kommt mir in den Sinn, wenn ich wieder den "Rotfuchs" lese, im Untertitel "Tribüne für Kommunisten und Sozialisten in Deutschland".
Der RotFuchs hat den Mut, "fleißig die Augen zu heften". Wo sich der Staub der Jahre absetzen will, veranstaltet er Wirbel, wo andere sich abwenden (die vielen "Wenden"!), fixiert er beharrlich, wo die DDR unter Lügenbergen begraben werden soll, ist RotFuchs zur Stelle, am liebsten mit Bagger oder gar Sprengsatz. Danach gibts weit und breit klare Verhältnisse.
Ich tue manches dafür, daß mein Lebensgefühl der DDR-Endzeit nicht in rosaroter Dämmerung versinkt. Nicht zu vergessen, daß die Widersprüche sich unerträglich zugespitzt hatten und daß die von uns SED-Sozialisten zu verantwortende Ausprägung unserer sozialistischen Gesellschaft keine reale Möglichkeit der progressiven Lösung bot, das ist für mich eine unverzichtbare Bedingung dafür, einen wirklich neuen Anfang zu finden.
Leider oft habe ich beim Lesen von RotFuchsartikeln den Eindruck, daß dort die inneren Ursachen des Untergangs unseres Systems nicht in voller Tragweite anerkannt werden. Manche Schreiber scheinen nicht ganz frei von dem kommunistischen Hochmut zu sein, die Wahrheit von gestern, heute und morgen zu kennen.
Das gibt Ärger, Abneigung.
Doch es bleibt die Unbeugsamkeit.
Es bleibt das Bekenntnis (oder auch "nur" die nüchterne Mitteilung) für unseren historisch einmaligen Versuch das Bestmögliche gegeben zu haben. Das Wissen um soviel Errungenes (Geschenktes war nicht dabei) wird wach gehalten.
Wenig ist das nicht.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Chronistenpflicht

„Angesichts der dramatischen Staatsverschuldung Griechenlands, die zu einer großen Gefahr für den Euro werden kann, bin ich dafür, dass Brüssel einen Hohen Beauftragten der EU in Athen einsetzt.“
Das sagt die Politcharge Wolf Klinz, EU-Abgeordneter der FDP und weiter:
„Er könnte die griechische Regierung beraten, konkrete Sparmaßnahmen vorschlagen und zugleich als möglicher Blitzableiter für unpopuläre Maßnahmen dienen“ .... „Der Hohe Beauftragte kann als unabhängige Instanz helfen, die notwendigen Maßnahmen mit aller Härte durchzusetzen“.
via Econo-Matrix (Zugleich reist Westerwave nach Athen und drängt die Griechen, deutsche Eurofighter zu kaufen. Deutsche Welle via german-foreign-policy)

Ich halte hier eigentlich zweitrangige Informationen aus dem politischen Tagesgeschäft fest, weil im Kleinen Großes aufblitzt:
Die ökonomischen Widersprüche verschärfen sich.
Ohne Schwanken nimmt man die politische Repression ins Visier.
Im eigenen Land herrscht Winterschlaf. Die Linke ist paralysiert. Aber eine Kraftprobe mit den aufsässigen Griechen zu provozieren, darauf ist das deutsche Imperialistenpack heiß.

Ist das der neueste Exzess?

Soeben kriege ich einen Anruf.
Jemand stellt sich vor (Beim Klang dieser Stimme wußte ich sofort, daß der Anruf Müll war.) mit dem adligen "von" im Namen. Mir wird mitgeteilt, daß ich einen beträchtlichen Gewinn gemacht hätte. Ich lege auf.
Das Neue: Der Anrufende war kein lebendiger Mensch, kein frischfröhlicher 1-€-Jobber, sondern ein Automat!

Was im Maßstab des großen Geldes gelingt - die automatisierte, digitalisierte Schöpfung von Profit - AA











versuchen die normal halbkriminell Verdienenden zu kopieren.
Sie werden solange nicht ruhen, bis sie es endlich geschafft haben, daß ich ihnen morgens, noch vor der ersten Herztablette, ein kleines Salär - den Parasitenobolus - entrichte.
Eben das, was ihnen der Staat täglich vormacht.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Die Bedingung der Meinungsfreiheit ist die Ohnmacht

Es gibt Postings, die sind gar keine. Obiger Satz gehört dazu.
Er bezeichnet den Schluß von soviel Erleben und Nachdenken. Doch ich habe nicht die geringste Lust, den Weg, der zu ihm führte, nachzuzeichnen ("aufzubereiten").
Vielleicht auch ist er der Anfang von etwas. Doch ich habe gar keine Lust auf Neue Reise.

Dies ist ein anderer Nichtposting-Satz:
Der wahre Totalitarismus, der einzige, der diesen Namen wirklich verdient, ist der Totalitarismus des Geldes.

Oder dieser:
Millionen jüdische Menschen sind verbrannt worden; ich halte es für möglich (wenn nicht wahrscheinlich), daß der kleine zionistische Staat die ganze Welt in Brand setzt.

Dienstag, 2. Februar 2010

Die Anti-Matsch-Tomate

Genetiker haben eine Tomate entwickelt, die monatelang fest wie Hartgummi bleibt.
Man prüft, sie als Tennisball zu verwenden.
Näheres unter diesem Link.

genscheiss

Es soll Menschen geben, die sowas essen.

Ich poste dies unter der Kategorie "kein Witz", obwohl, mit Verlaub, der Begriff "Genscheiss" passender wäre.

Montag, 1. Februar 2010

Noch einmal Lanzmann

Auch den zweiten vierstündigen Teil von Lanzmanns Dokumentation "Shoa" (Arte am 27.1.2010) habe ich mir angesehen (ausgenommen einen letzten Abschnitt, in dem die deutschen Untertitel fehlten). Zum ersten Teil siehe hier.
Zwar machte ich wieder die Erfahrung, daß mir immer noch und immer wieder Informationen begegneten, die mir bisher unbekannt waren und die mein Wissen und meine Vorstellung von der faschistischen Judenvernichtung bereicherten, jedoch stellte sich auch über Strecken ein Wiederholungs- und Gewöhnungs- und Ermüdungseffekt ein.
Zwei Sequenzen aber machten mich wieder wach, nachdenklich und am Ende kritisch. (Und dabei bin ich mir der mehrfachen Denkwürdigkeit bewußt der Frage, die stets im Hinterkopf geistert: "Darfst Du denn hier kritisch sein?")

Der jüdische Häftling Vrba spricht über den Widerstand im Konzentrationslager Auschwitz im Unterschied zum Vernichtungslager Auschwitz.
Im KZ Auschwitz sollte Arbeitsleistung erbracht werden. Diese Tatsache nutzte der politische Widerstand, die illegale Lagerorganisation, um der SS-Lagerleitung gewisse Verbesserungen der Lage der Häftlinge nahe zu bringen: Eingearbeitete Häftlinge mit einem Mindestmaß an Kraft und Gesundheit bringen bessere Leistung.
Zeitweilig ging diese Rechnung auf, mit der Folge, daß die Todesraten im KZ Auschwitz sanken. Aber mit der weiteren Folge, daß nun aus den ankommenden Judentransporten weniger Arbeitsfähige als "Arbeitsjuden" selektiert wurden, sondern gleich in den Gaskammern vernichtet wurden.
Vrba im Interview leitet daraus die Forderung ab, daß über das KZ hinaus der Widerstand auch die Beendigung der Judenvernichtung im Vernichtungslager sich zur Aufgabe hätte machen müssen. Er erwähnt noch, daß sich in der Folgezeit sein Weg von dem des illegalen Widerstands im Lager trennte.
Für mich ist es eine zunächst verwirrende Fragestellung.
Ist es erlaubt, solches zu fordern? Muß solches gefordert werden? Unter Berücksichtigung aller konkreten Umstände?
Verlangt die Vernichtung der einen Menschen die Vernichtung aller erreichbaren Menschen in Kauf zu nehmen?

Großen Raum nimmt in Lanzmanns Dokumentation ein Interview mit Jan Karski ein, einem Verbindungsoffizier und Kurier der polnischen Exilregierung in London mit der AK, der polnischen Heimatarmee. Karski traf sich in Warschau mit zwei Vertretern zionistischer Organisationen aus dem Ghetto. Er wurde von ihnen zweimal in das Ghetto geschleust, um die schrecklichen Zustände selbst zu erleben und die politischen Führer des Westens und überhaupt die Welt als Augenzeuge alarmieren zu können.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Lanzmann, der im allgemeinen seine ästhetischen Mittel bei aller Intensität präzis einsetzt, im Karski-Interview manchmal ins Theatralische abgleitet.
Was verlangten die beiden Mitglieder des Warschauer Judenrates? Die Vernichtung der Juden muß, koste es, was es wolle, gestoppt werden! Das muß ein selbständiges strategisches Kriegsziel der Alliierten sein, das mit der bloßen (absehbaren) Niederlage Hitlers nicht erfüllt sein wird.
Das deutsche Volk soll mit einer Flugblattaktion aufgeklärt werden und somit, nachdem es die Wahrheit erfahren hat, Gelegenheit erhalten, sich Hitlers zu entledigen. Wenn es das nicht tut, soll es der Bestrafung und Vergeltung durch die Alliierten ausgesetzt sein.
Das ist deutlich.
Rache für das erlittene Unrecht - das ist die Quintessenz auf die Lanzmann zusteuert.
Hier wird - weitergedacht - im Schoße der einen Monströsität die nächste Monströsität geboren.

Nein, nie und nimmer ist das meine Position gegen das Verbrechen, auch nicht gegen die Verbrechen menschheitlicher Dimension.

Samstag, 30. Januar 2010

Aus der Geraden in die Kreisbahn?

Älter werdend biege ich langsam auf die Zielgerade ein. Dort vorn (noch'n Ende wech) herrscht erhöhte Aufmerksamkeit, im Start-/Zielbereich. Merkwürdig, dem Jungen, der einst aus dieser Startzone losgelaufen ist, fühle ich mich immer näher.

Der hatte seine täglichen Freuden und Lasten:
Ordentlich Frost im Winter für's Schlittschuhlaufen,
das alte, wieder funktionstüchtig gemachte Fahrrad (Marke "Falter"),
kein Fleisch essen müssen aber Eier essen dürfen,
das gehaßte tägliche Gänsehüten,
das ewige Klavierüben,
beim Heu machen helfen bis zum Umfallen, dann müde und verdreckt sein aber glücklich, denn gemeinsam hatten wir es vor dem Gewitter geschafft,
aufregende Fastnachtsbetteleien, Pfeffernüsse von Bäcker Schönfeld,
abendliches "Viereckhaschen", Angst und Schrecken vor der "grauen Frau",
unser Hund Kasper, die elektrische Eisenbahn (Spur 0, Firma Liebmann).
Der Junge lebte in der Welt, die ihn umgab. Eine Welt darüber gab es nicht.

Doch da war der Christenlehre-Unterricht - schöne Geschichten, besonders die vom barmherzigen Samariter, andere mehr wundersam. Plötzlich das Ansinnen, Glauben zu sollen. Der Junge, der ich war, wies das entschieden von sich: "Ich glaube doch nicht an Märchen!"
Dann, mit 9, 10, 11 Jahren, wurde ich "Leseratte". Geschichten und Romane von Gorki, von Katajew, von Makarenko öffneten das Tor zur Welt. Dahinter war es weit und vielfarbig, einladend.
Und auch eine dünne Broschüre gab es, den Bericht eines Häftlings aus dem KZ Buchenwald.

Mein Leben lang hab' ich viel gelesen. Was in der Welt passierte, interessierte mich und hat meine Parteinahme herausgefordert. Manchmal wurde mir "das Große, Ganze" wichtiger als das "eigene kleine Leben".
"Ändere die Welt, sie braucht es." - klar machen wir. Ohne uns geht es doch nicht.
Sehr langsam kapierte ich, daß die Welt sich keineswegs um unsereins kümmert. Doch sie kommentierend, reflektierend zu begleiten, das schien mir immer noch angebracht. Auf solchem Boden sprießen heutzutage Blogs.

Jetzt aber scheint mir etwas Anderes zu entstehen, eine Ermüdung, ein Desinteresse, eine Rückkehr zu etwas Vormaligem, zum sich selbst genügenden Leben?
Und warum? Weil die Zeiten so sind? Weil ich in das Alter gekommen bin?

Freitag, 29. Januar 2010

Normalität

Gestern bin ich mit der U-Bahn ins Berliner Zentrum gefahren.
In den knapp eineinhalb Stunden, die ich unterwegs war, bin ich auf fünf Menschen gestoßen, die bettelten.
In den ersten dreißig Jahren meines Lebens in Berlin (von 1960 bis 1990), habe ich das nicht erlebt.
Bis heute kann ich mich nicht daran gewöhnen.

Dienstag, 26. Januar 2010

Wichtiger als das einzelne Ereignis ist die Verschiebung der Standards

Haiti. Hilfe ist notwendig. Die USA schicken Soldaten.
Diesmal Nothelfer, nicht Notbringer.

Jahreszeitliche Grippeerkrankungen. Definitionen werden verändert - Schreckwort Pandemie.
WHO = Gesundheitsorganisation?

Kapitalistische Krise. Systemgefahr. Politiker rotieren.
Finanzkapitalisten aber werden hochbelobigt. Sie entscheiden unbeschränkt.

Der Preis aller Preise - der Nobelpreis.
Der Preis für Frieden geht an den amerikanischen Präsidenten.

Und die Nazis erwehren sich lautstark der an ihnen begangenen Verbrechen.

Web 1.0; Web 2.0; Web 3.0;
Was ist wirklich?

Die Menschen in unendlicher Anzahl, in Milliardenmenge, sind direkt betroffen; wohl zum ersten Mal.
Damit stehen alle Fragen neu, vermute ich.
Aber sie verhalten sich hartnäckig unbetroffen.

Sonntag, 24. Januar 2010

Die chinesische Mixtur

ist der Stalinsche GULAG und der Weltmarktkapitalismus, so befindet che.
Auf diese Weise stellen sie konkurrenzlos günstig irgendwelche Büro- und Küchenartikel her und haben so, wie netbitch weiß, den eigentlichen Exportweltmeister überholt.
Man nehme 10% Wissen, quirle es mit 30% Meinungsfreiheit, gebe 20% Arroganz dazu, fülle mit tönender Moralität auf - die darf auch überschwappen. Das gibt einen Hochgenuß.
Peinliche Beispiele, wie die Leute auf den linksliberalen Schiffchen im Kielwasser der größeren Verbände, demokratischen Piratenjäger zur christlichen Seefahrt drängeln.

Hallo Chris in Hengyang, ich weiß ja, daß Du immer wieder mal hier reinschaust, gerne würde ich Dir Platz einräumen, wenn Du von Deinem Leben dort etwas erzählen oder Fotos zeigen willst!

Freitag, 22. Januar 2010

"Shoa" von Claude Lanzmann

Auf Arte war der erste Teil dieser 1985 fertiggestellten Dokumentation zu sehen, vier Stunden lang. Der zweite Teil folgt am 27.Januar, dem Tag, an dem sich die Befreiung von Auschwitz jährt.

Wenn ich versuche darüber zu schreiben und beginne nach den ersten Worten zu suchen, höre ich solche Sätze in meinem Hinterkopf: "So etwas Ansehen? - nein, das tu' ich mir nicht an." oder "Muß ich mir das antun?".
Ich tat es.
Was vermeidet eigentlich der Mensch, sich hier anzutun?

Lanzmann verwendet keinerlei Archivmterial. Er argumentiert sogar dagegen, es zu verwenden. Seinen Standpunkt muß man nicht teilen. Sein Konzept aber - Zeitzeugen befragen, aus der Gegenwart der achtziger Jahre berichten, befragen - geht auf.

Ein polnischer Bauer kommt zu Wort, dessen Acker sich 50 m neben dem Lagerzaun befand. Er pflügte dort, säte, erntete, konnte alles (aus den Augenwinkeln) beobachten. Lanzmann fragt: "Gewöhnt man sich an alles?" Der Bauer sagt: "Ja".

Ein polnischer Lokomotivführer wird befragt, der mit seiner Lok die Waggons mit den Menschen ins Lager schob und sie zwanzig Minuten später leer herauszog. Lanzmann fragt: "Hat man sich daran gewöhnt?" Der Lokführer sagt: "Nein" und nach kurzem Zögern: "Ohne Alkohol wäre es nicht möglich gewesen,... die Deutschen haben uns Wodka gegeben...". Lanzmann: "Als eine Art Prämie?" Der Lokführer: "Wir haben auch selbst Alkohol gekauft, um uns zu betrinken."
Keiner sagt es aber der Zuschauer versteht: Wenn es nicht möglich war, sich zu gewöhnen, so war es mit Alkohol doch auszuhalten.

Polnische Bauern erzählen, sie hätten den vorüber fahrenden Juden oft die bewußte Geste "am Hals entlang" gemacht - um sie zu warnen. Viele Juden aus westlichen Ländern hätten diese Geste nicht verstanden. Der Zuschauer weiß um die Doppeldeutigkeit dieser Geste: Euch geht es an den Kragen, mir nicht!

Lanzmanns Film bringt oft Gruppenporträts. Ein, zwei Befragte sprechen, drei, vier weitere Personen stehen dabei, sagen nichts. Ihre Mienen sind beredt. Aber sie sind nicht zu entschlüsseln.

Lanzmanns Film läßt uns begreifen, daß die Judenvernichtung nicht einem Hirn als fertiger Plan entsprang. Es war ein Vorgang mit "Versuch und Irrtum", gleichsam der komplexe soziale Prozeß einer Erfindung einer nur ungefähr anvisierten Lösung. Das belegt auch ein Schreiben zu technischen Aspekten des Einsatzes von Saurer-Lkw als Vergasungswagen. Geheime Reichssache, gez. Just (Ich zitiere aus der Erinnerung.): Beleuchtung im Wageninneren ist eigentlich nicht notwendig, sollte aber beibehalten werden, da sie beruhigende Wirkung hat. Bei Dunkelheit drängt das Ladegut gegen die Türen, so daß diese nur mit größtem Kraftaufwand geschlossen werden können.
Die Ladefläche kann bedenkenlos um einen Meter verkürzt werden. Zwar wird dadurch die Belastung der Vorderachse ungünstig erhöht, da sich jedoch im Verlauf des Vorgangs das Ladegut Richtung Türen drängt, wird das Mißverhältnis ausgeglichen und die Straßenlage wieder verbessert.

Lanzmann zitiert aus dem Warnbrief des Rabbiners eines polnischen Städtchens, nachdem diesem das wahre Schicksal der Deportierten zweifelsfrei bekannt geworden war. Der Verfasser findet keine adäquaten Worte für sein Entsetzen. Sein letzter Satz lautet: "Ich bin so müde, ich kann die Feder nicht mehr führen." Wenige Wochen danach gehört er selbst zu den Deportierten.

Claude Lanzmann befragt auch einige Deutsche. Eine Frau aus Münster ist damals ins Wartheland umgesiedelt, aus "Unternehmungslust". Ihr gingen die Augen über, wie primitiv es dort war. Es gab nur eine Toilette im Landratsamt. Überall sonst war es unaussprechlich. Die Frau aus Münster - der Zuschauer sieht unwillkürlich die Mutter unserer Dame Steinbach vor sich - begegnete auch den "Arbeitsjuden", die mit Ketten an den Füßen durchs Dorf getrieben wurden. Das Leben in diesem Dorf sei eine Zumutung gewesen, "dieses ganze Elend mitansehen zu müssen".

Einen 13-jährigen Jungen verwendeten die Nazis zu ihrem Vergnügen als Sänger. Er sang polnische Volkslieder, und sie brachten ihm deutsche Schlager bei. Jemand sagte zu einem der SS-Leute:
"Lassen Sie das Kind doch laufen!"
Der SS-Mann: "Wohin soll es denn laufen?" -
"Zu seinen Eltern" -
"Die sind im Himmel,... da kommt der auch bald hin."

Der Sänger hat es überlebt. Jetzt steht er, verlegen lächelnd, vor der Kirche desselben Dorfes, inmitten einer Menschengruppe, die immer größer wird. Drinnen findet ein Festgottesdienst zu Ehren Mariä-Geburt statt. Schön singen der Kantor und die Gemeinde. Etliche der Menschen, die den Sängerjuden umringen, erkennen ihn wieder. Claude Lanzmann fragt: "Woran können Sie sich erinnern, wenn Sie ihn sehen?" Ich, der Zuschauer, bin elektrisiert. Nein, sie sagen nicht: Weil er so schön gesungen hat. Sie sagen: "Wie er in den schweren Ketten ging, und wie schön er gesungen hat."
Eine lärmende, etwas forcierte Wiedersehensfreude setzt ein. Zwei, drei ältere Frauen führen das große Wort. Viele stehen lächelnd dabei, andere mit reglosem Gesicht. Der Kantor ist jetzt auch zu sehen. Einige wollen etwas sagen, kommen aber nicht zum Zug. Unser Sängerjude steht in der Mitte und lächelt. Jetzt zündet er sich entspannt eine Zigarette an. Claude Lanzmann fragt: "Wie konnte es dazu kommen?" Ratloses Schweigen, Stottern.
Plötzlich steht der Kantor im Vordergund. Er erzählt: "Damals versammelten sich alle Juden auf einem großen Platz des Warschauer Gettos, und ihr Rabbiner stellte ihnen dieselbe Frage. Und der Rabbiner erinnerte daran, daß die Juden vor 2000 Jahren Jesus ans Kreuz lieferten und schrien: Soll es über unsere Kinder und Kindeskinder kommen, soll es unser Blut kosten! Und der Rabbiner habe gesagt: Diese Zeit ist jetzt gekommen."
So sprach der Kantor.
Und er bekräftigte: "Nicht ich sage das, sondern der Rabbiner hat es gesagt."
Die Runde schweigt. Jemand sagt: "Gott hat es gewollt"
Jetzt Rufe (mir kommen sie erleichtert vor): Gott hat es gewollt! Und jetzt die alten Wortführer-Frauen mit schnellen Sätzen die der Zuschauer nicht versteht, doch ihre Körpersprache ist überdeutlich: Ihr seid selber Schuld!
Die Kamera, immer den Sängerjuden im Bildzentrum, fährt näher und näher heran, auf dieses klägliche, verkrampfte, lächelnde, einsame Menschengesicht.
So etwas kann nur der Film. Es ist eine Jahrhundertszene.

Die Kamera, nach dreißig, vierzig Jahren, findet idyllische Flüßchen, friedliche Wälder, tätige Landleute; und auch einige Stätten halbherzigen Gedenkens.
Gleichmütig ist das Schicksal weitergegangen.
Und gleichmütig ist es bereit, wiederzukehren.

Brutalo Obama

Kriegt man hier mitgeteilt:
"Obama kastriert US-Banken"

Wer nicht so für Märchenstunde schwärmt, stattdessen mal einen Blick hinter die Kulissen werfen möchte, ist hier richtig:
"Geldmarktfonds - Bankruns werden illegal"

Nicht von der etwas abstrakten Überschrift abschrecken lassen. Der Artikel ist ganz gut lesbar, und die aufgewendete halbe Stunde nicht verloren.

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